Opel-Nähmaschinen: Aller Anfang ist schwer

Das 19. Jahrhundert war von vielen technologischen Umwälzungen geprägt. Die Dynamik dieser Prozesse sorgte zumindest in Westeuropa und Nordamerika für teils erhebliche gesellschaftliche Veränderungen. Immer stärker aufkommende Fabrikarbeit sorgte für neue soziale Probleme. Bislang herrschende Klassenstrukturen wurden verändert, Parteien und Gewerkschaften entstanden.
In der väterlichen Schlosserwerkstatt in Rüsselsheim spürte auch Adam Opel diese Veränderungen. Die Eisenbahnstrecke von Frankfurt nach Höchst (damals noch eine selbstständige Kommune) war nicht weit entfernt und eine Attraktion für den jungen Schlossergesellen. Er entschied sich, noch eine Mechanikerlehre zu machen.
1857, im Alter von zwanzig Jahren, erhielt Adam Opel sein Wanderbuch und konnte reisen. Es ging zunächst nach Belgien und London, wo er Dampfmaschinen, Webstühle und andere technische ‚Wunder‘ kennenlernte. Doch nie verlor er sein eigentliches Ziel aus den Augen: Paris, damals der Nabel der westlichen Welt.
Nachdem er dort zunächst bei einem Bäcker und einer Kassenschrankfabrik sein Geld verdiente, bekam er 1859 eine Stelle bei F. Journaux & Leblond, einer der wichtigsten Nähmaschinenhersteller der Welt. Er blieb zweieinhalb Jahre dort, später stieß auch sein Bruder Georg hinzu. Der Plan war klar: Sie wollten eigene Nähmaschinen bauen.
Es gab jedoch noch viel zu lernen und Details zu verbessern. Adam Opel wechselte deshalb für ein paar Monate zur Konkurrenzfirma Huguenin & Reimann, ehe er Ende 1862 wieder zurück nach Rüsselsheim reiste.
Sein Vater war von Adams Nähmaschinenprojekt nicht sehr begeistert, er musste deshalb häufig nachts an seinen Einzelteilen herumfeilen. Im Frühjahr des folgenden Jahres war es dann soweit: Die erste Nähmaschine der Opel-Historie war gebaut und wurde an einen ortsansässigen Schneidermeister verkauft. Sie hielt vierzig Jahre.
Ein Onkel stellte dem umtriebigen Bastler einen ausgedienten Kuhstall kostenlos zur Verfügung und sorgte für finanzielle Unterstützung. Einige Spezialteile kamen zudem vom Bruder Georg, welcher noch einige Zeit in Paris verblieben war. Arbeit gab es genug, die Kunden kamen zunächst nur aus der Region.
Dann begann der preußisch-österreichische Krieg. Die Soldaten benötigten Uniformen, die Schneidereien Nähmaschinen. Fortan boomte die Opelsche Werkstatt, man kam mit der Produktion nicht nach und musste von anderen Herstellern zukaufen.

Bild: Werbeplakat Opel-Nähmaschinen 1901

Werbeplakat für Opel-Nähmaschinen von 1901

Im Spätsommer 1868 bezog die Firma Opel ein neues, zweigeschossiges Fabrikgebäude direkt am Rüsselsheimer Bahnhof. Zudem heiratete der Chef, Gattin Sophie kümmerte sich bald um Buchhaltung und Lohnauszahlung des Unternehmens.
Ein weiterer Krieg folgte 1870. Erneut stieg der Bedarf an Nähmaschinen, Opel offerierte unter anderem eine eigene Version für Uniformschneiderei; außerdem gab es mehrere Spezialmodelle im Angebot. Eines der bekanntesten wurde die nach der Ehefrau benannte „Titan-Nähmaschine Sophia“.
Opels Nähmaschinen wurden ständig verbessert und hatten bald einen exzellenten Ruf, Exporte gingen bis Asien und Nordamerika. Hiesige Kunden konnten in Raten zahlen, auch das war eine Innovation in der Branche.
Mitte der 1880er Jahre arbeiteten 300 Mitarbeiter bei Opel, sie fertigten achtzehntausend Einheiten pro Jahr. Doch Ende des 19. Jahrhunderts war das weltweite Angebot an Nähmaschinen größer als die Nachfrage, die Umsätze brachen ein. Nach einem Brand 1911 wurde die Produktion eingestellt, insgesamt waren es mehr als eine Million Einheiten gewesen. Fortan baute Opel nur noch Fahrzeuge.

~ von opabo - 11. Mai 2013.

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